Schulkonzept

Wenn Du ein Haus bauen willst,
nimm ein Brett und nagle es wohin.
australischer Spruch

 

Entstehung und gegenwärtige Ausbreitung der Waldorfpädagogik

Die erste Freie Waldorfschule wurde im September 1919 in Stuttgart eröffnet. Ihr Begründer Emil Molt, Inhaber und leitender Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, hatte gegen Ende des ersten Weltkrieges mit einer betrieblichen Erwachsenenbildung begonnen und wollte nun eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter schaffen, weil er empfand, dass die soziale Frage eine Frage der Menschenwürde und damit letztlich eine Bildungsfrage sei. Rudolf Steiner übernahm die Leitung der neuen Schule. Es ging ihm um ein Modell, von dem er sich zusammen mit Molt und dem ersten Lehrerkollegium weitreichende soziale Wirkungen erhoffte.

Die erste Waldorfschule war, wie alle folgenden Gründungen, nicht als Privatschule gemeint. Sie sollte helfen, einem dringenden Notstand zu begegnen und damit zur Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe beitragen.

In den vergangenen fast 100 Jahren entstanden
etwa 250 Schulen in Deutschland,
etwa 600 Schulen im restlichen Europa und
mindestens 450 Schulen auf anderen Kontinenten.
1.151 dieser Schulen werden vom Bund der Freien Waldorfschulen in seiner Weltliste geführt, eine Reihe von Schulen arbeiten auf der Grundlage der Waldorfpädagogik, gehören aber den jeweiligen Verbänden nicht an.

1990 wurde in Chemnitz die erste Waldorfschule begründet. 2018 begann die Gruuna-Schule mit dem Unterricht, die auch legasthene Kinder erfolgreich beschulen will.

Unsere Schule, mit dem Namen Michael-Schule Chemnitz, wird eine Freie Waldorfschule nach § 2 Abs. 2 des Sächsischen Gesetzes über Schulen in freier Trägerschaft sein und wird einen Antrag auf Aufnahme in den Bund der Freien Waldorfschulen stellen.

Die Pädagogen werden auf der Grundlage der neusten Fassung des Waldorflehrplanes (Richter-Lehrplan, 4. Auflage 2016) arbeiten. Im Mittelpunkt der Schule wird das selbstverantwortliche Lernen stehen.

Die Waldorfpädagogik hat in den Jahren ihres Bestehens ein weites Spektrum von Möglichkeiten des kindgemäßen und altersgerechten Lernens entwickelt.

Selbstverantwortliches Lernen

Die Schüler ergreifen selbst die Verantwortung für ihren Lernprozess. Der Erwachsene (Lehrerin/Lehrer) versteht sich in den verschiedenen Altersstufen als Vorbild und Entwicklungsbegleiter für einen individuellen Lernprozess, nicht als Besserwisser, Befehlshaber oder Manager des kindlichen und jugendlichen Lernprozesses.

Beim selbstverantwortlichen Lernen wird der Lehrer zum Wegbegleiter durch das Öffnen von Weltgebieten, zu denen er Zugänge vermittelt, und dann zum Begleiter von Arbeitsprozessen und Lernprozessen der Kinder, die sich damit selbsttätig auseinandersetzen, sowie zum Gestalter und Beschützer der Lernräume der Schüler.

Für die Selbsttätigkeit werden sachliche Voraussetzungen benötigt, zum Beispiel Material, Bücher, Nachschlagewerke, Lernmaterialien, mit denen sich die Kinder bestimmte Gebiete selbst übend erobern und diese vertiefen können.

Wenn die Kinder ihr Lernmaterial selbst entwickeln, haben sie dabei auch schon sehr viel gelernt.

Eine ganz wichtige Bedingung liegt in den zeitlichen Ressourcen. Selbsttätiges Arbeiten und Lernen benötigt mehr Zeit als Abschreiben von der Tafel oder das Notieren nach dem Unterrichtsvortrag im Frontalunterricht. Jedes individuelle Durcharbeiten des Dargestellten, jedes Lernduo, jede Gruppenarbeit benötigen ausreichend Zeit, um wirksam zu werden.

Dafür sind die Unterrichtseinheiten von 45 Minuten zu kurz. Deshalb wird der Stundenplan mehr zeitliche Möglichkeiten bieten, beispielsweise durch eine andere Länge der Unterrichtseinheit oder die Zusammenlegung von Einheiten. Als hilfreich hat sich erwiesen, wenn zumindest Unterrichtseinheiten von 60 Minuten und Kombinationen mit dem Hauptunterricht (105 Minuten) möglich sind.

(Dargestellt nach Harslem, Michael/Randoll, Dirk: Selbstverantwortliches Lernen an Waldorfschulen – Ergebnis eines Praxisforschungsprojekts. Kulturwissenschaftliche Beiträge der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft Bd. 10. Bern 2013.)

Weitere Bedingungen für das selbstverantwortliche Lernen sind

  • Offenheit für die Wirklichkeit und für alle Wahrnehmungen,
  • Bescheidenheit gegenüber der Vielfalt und Weisheit der Welt,
  • Unvoreingenommenheit,
  • Liebe auch zu den kleinen Dingen,
  • Aufmerksamkeit,
  • Hinwendung, Interesse, Hingabe,
  • fokussierte Wahrnehmung,
  • eine sichere und liebevolle Umgebung.

Die kleinen Kinder bringen das mit.

Welche Bedingungen müssen wir schaffen, um diese Qualitäten auch in die Schule hineinzuretten und noch weiter zu pflegen und auszubauen?

In einer Gruppe, in einer Klasse entsteht immer ein bestimmtes Lernklima, das wesentlich vom Lehrer bzw. von den Lehrern geprägt und gepflegt werden muss. Daraus entwickelt sich eine bestimmte Lernkultur der Klasse – und im besten Falle der ganzen Schule.

Ein Kennzeichen dafür ist zum Beispiel, ob der Arbeitseinsatz und die Leistung anerkannt und gewürdigt werden oder ob sie als Strebertum oder ähnliches abgewertet werden.

Als Grundprinzipien gelten dabei, dass das Lernen Freude macht, dass es spielerisch und leicht wird, dass Leistungen und gute Ergebnisse etwas Schönes sind, dass man sich darüber – auch bei anderen – freuen kann und dass man stolz darauf sein kann. Damit können die beim Lernen notwendigerweise immer auftretenden Schwierigkeiten und Hemmnisse gut bewältigt werden.

Eine wesentliche Qualität der Waldorfpädagogik besteht darin, dass der Lehrplan so ausgelegt ist, dass die Kinder durch die altersgemäß vermittelten Inhalte eine ihnen entsprechende Seelennahrung erhalten.

Damit dies gelingt, muss alles, was unterrichtet wird, sinnvoll, sinnerfüllt sein. Sinnhaftigkeit ist immer direkt verbunden mit Wahrhaftigkeit und Wahrhaftigkeit ist für die Kinder eine ganz wesentliche Bedingung dafür, dass sie vertrauensvoll lernen können. Wahrhaftigkeit ist auch die Voraussetzung dafür, dass im Lernen Evidenzerlebnisse entstehen können. Dann erst wird wirklich gelernt.

Ein weiteres Prinzip der Waldorfpädagogik liegt in der Vielfalt, mit der ein Inhalt angeboten wird. Es gibt immer ganz verschiedene Aspekte und Blickwinkel zu einem Thema, die es den Kindern mit ihren unterschiedlichen Temperamenten, Prägungen, Vorerfahrungen usw. ermöglichen sollen, einen eigenen Zugang dazu zu finden. Das muss vom Lehrer breit angelegt werden, um verschiedene individuelle Lernspuren möglich zu machen, die er dann allerdings auch zulassen muss.

Lernen ist nur aus einer gewissen Sicherheit heraus möglich. Lernen bedeutet Veränderung und Entwicklung, was immer mit Unsicherheit und Spannung verbunden ist. Diese Unsicherheit kann nur aus einer grundlegend sicheren Position heraus ausgehalten werden. Neben mehreren anderen Sicherheiten – wie Urvertrauen, körperliche Sicherheit, Erlebnissicherheit, Gefühlssicherheit, Sprachsicherheit, Beziehungsfestigkeit, Kooperationsfähigkeit – kommt es in der Schule auf vier hier besonders zu pflegende Sicherheiten beim selbstverantwortlichen Lernen an:

  • emotionale Sicherheit
  • soziale Sicherheit
  • methodische Sicherheit
  • inhaltliche Sicherheit.
Die praktische Gestalt der Michael-Schule

Der Unterricht beginnt jeweils um 8.00 Uhr.

Von 8.00 bis 10.00 findet der Hauptunterricht statt, welcher für 3 oder 4 Wochen mit dem gleichen Unterrichtsfach gestaltet wird. Zu den Hauptunterrichtsfächern, die in der Unter- und Mittelstufe der Klassenlehrer erteilt, gehören: Deutsch, Mathematik, Formenzeichnen, Sachkunde (Landbau, Hausbau, Handwerke) in Klasse 3, Pflanzen- und Tierkunde (später Biologie) ab Klasse 4, Heimatkunde/Geographie, Geschichte ab Klasse 5, Physik ab Klasse 6, Chemie ab Klasse 7.

Der Klassenlehrer begleitet seine Klasse von der Einschulung bis zum Ende des achten Jahres.

Weitere Fächer, die von Fachlehrern unterrichtet werden, finden jeweils zwei Mal in einer Woche statt. Es sind ab Klasse 1: Russisch, Englisch, Handarbeit, Musik, Eurythmie und Turnen.

Handwerk wird ab Klasse 4 unterrichtet, Gartenbau ab Klasse 6.

Ab Klasse 5 finden thematisch gestaltete Klassenfahrten statt. So bietet die Klasse 5 Gelegenheit dazu, mit der Olympiade, an der immer Klassen von wenigstens zwei (Waldorf-)Schulen teilnehmen.

Mit Klasse 8 endet die Klassenlehrerzeit. Es wird ein Klassenspiel ausgewählt, für das Kostüme und Aufführungsort gefunden werden müssen. An der Gestaltung der Bühne und an der technischen Realisation wirken die Schülerinnen und Schüler mit. Die Aufführung ist öffentlich.

Jede Schülerin und jeder Schüler schreibt eine Jahresarbeit zu einem selbst gewählten Thema und stellt diese Arbeit öffentlich vor.

Ab der 9. Klasse beginnt für die Schüler die Oberstufe. Jede Klasse wird dann von einem Klassenbetreuer begleitet, der zugleich Oberstufen-Fachlehrer ist, und auch in der betreuten Klasse nur sein Fach unterrichtet.

Das Konzept der Oberstufe für die Klassen 9 bis 12 befindet sich noch in Entwicklung.

Die Ferien der Schule orientieren sich im Wesentlichen an den vom Kultusministerium vorgegebenen Zeiten.

In der ersten und zweiten Klasse werden täglich neben dem Hauptunterricht zwei weitere Unterrichtseinheiten gegeben, insgesamt also vier. Ab Klasse drei kommen weitere Unterrichtseinheiten dazu, aber zunächst nicht mehr als 5 täglich. Bis zur 8. Klasse steigt der Umfang des Unterrichts an, es werden aber höchstens 6 Unterrichtseinheiten am Tag gegeben. In der Oberstufe findet ein Teil des Unterrichts auch am späteren Nachmittag statt.